DER LETZE KATHOLISCHE PATRIARCH IM NUJIANG

Der Ietzte katholische Patriarch im Nujiang Tal:  Zum Tod von Guy Hu Junjie

Im Juni 2004 wurde hierzulande in den katholischen Medien ein „Mârchen" verbreitet: „Es ldingt wie ein wunderbares Mârchen: In China bat eine katholische Kommunitât von 5.000 Laienglâubigen 50 Jahre lang in der Diaspora ohne Priester und ohne Kontakt zur Weltkirche gelebt und nicht nur ihren Glauben bewahrt, sondern auch intensiv evangelisiert."(1) Was die Medien, z.T. ein bisschen sinnentstellt, von der Agentur UCAN übernommen hatten,(2) gab einen kleinen Einblick in eine bei uns kaum bekannte katholische Gemeinschaft, die in einer Region existiert, die noch bis vor wenigen Jahren zu den am schwierigsten zugânglichen Gegenden der Welt zâhlte: das Tal des Nujiang oder - wie der Oberlauf des Saluen (Salween) in der westlichen Literatur auch bezeichnet wird - das Tal des Loutzekiang, das 2003 ais Teil des „Drei Parallelflüsse-Naturschutzgebiet in Yunnan" ins UNESCO-Welterbe aufgenommen worden ist.

Hier im Nordwesten der Provinz Yunnan, an der Grenze zum Autonomen Gebiet Tibet und zu Myanmar, lebt eine katholische Gemeinschaft, die Angehôrige verschiedener ethnischer Minderheiten (Drung, Lisu, Nu und Tibeter) umfasst.

Nach der Vertreibung der beiden letzten auslândischen Missionare, die in dieser Region wirkten, dem Franzosen P. Georges André MEP, Pfarrer in Bahang (Baihanluo),(3) und dem Schweizer Louis Emery CRB, Pfarrer in Zhongde,(4) im Jahr 1952 und dem Tod des einzigen einheimischen Priesters der Region, P. Vincent Ly, im Jahr 19585 war die damais ca. 1.000 Glâubige zâhlende Gemeinde über mehrere Jahrzehnte hinweg ohne Priester auf sich alleine gestellt. Im Zuge der gesellschaftlichen Ôffnung unter Deng Xiaoping verkündeten Laienmissionare, die vor allem im Winter, wenn es keine Feldarbeit zu verrichten gab, die weit abgelegenen, z.T. nur nach stundenlagen Fussmârschen erreichbaren Bergdiirfer besuchten, v.a. durch Lieder die Frohe Botschaft. Dank dieser regen Evangelisationstâtigkeit ist die Zahl der dortigen Katholiken auf heute ca. 7.000 gestiegen. Zâhlte man zur Zeit der Missionare in der Region drei Kirchen, so gibt es heute deren 18.

Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung batte der Katechet Zacharie, der 1901 in dem für die Missionsgeschichte Tibets (6)  wichtigen Ort Bahang geboren worden ist. Von den auslândischen Missionaren zum Katecheten ausgebildet, unterstützte er diese in deren Arbeit. Als sich nach der Ausweisung der Missionare auch die Situation für die einheimischen Katholiken immer mehr verschlimmerte, floh er 1957 vor der kommunistischen Verfolgung und gelangte 1960 nach einer abenteuerlichen Flucht über Tibet und Burma schliesslich nach Taiwan,' wo er dann mit den Chorherren des Gr. St. Bernhards in Hsincheng zusammen¬arbeitete. Als es die politische Situation auf dem Festland erlaubte, kehrte er zuerst wâhrend einiger Jahre für lângere Zeiten und schliefilich 1989 ganz in seine Heimat zurück, wo er buchstâblich bis zu seinem Tode im biblischen Alter von 103 Jahren, im Oktober 2004, ais „Patriarch des Loutzekiang" das Leben der katholischen Gemeinde wieder aufbaute.

Guy, der dritte Sohn Zacharies, trat dann an seine Stelle. In den Augen der Katholiken war er zu diesem Amt prâdestiniert, nicht nur weil er der Sohn des von ihnen sehr verehrten Zacharie war, sondern auch wegen seines vorbildlichen Lebens. Als Zacharie 1957 flüchtete, bestraften die Kommunisten dessen Familie. Guy, damais 15-jâhrig, wurde der Schule verwiesen und zur Fronarbeit rekrutiert, wo er zusammen mit Strâflingen im beschwerlichen Strafknbau eingesetzt worden ist. Durch seinen grossen Einsatz stieg er in dieser Arbeit sukzessiv auf und beldeidete zuletzt den Posten des Vizedirektors des Streenbauamtes des Distriktes. Seit der Rückkehr seines Vaters unterstützte Guy ihn bei seiner Missionstâtigkeit, wobei ihm seine profunden Sprachkenntnisse (er sprach neben Tibetisch und Mandarinchinesisch auch perfekt Dulong und Lisu) eine grolk Hilfe waren. 1998 bat er um seine vorzeitige Pen¬sionierung, damit er von seinem hochbetagten Vater die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen konnte. In den folgenden Jahren liess er acht Kirchen erbauen und die alten Kirchen renovieren. Einen besonderen Schwerpunkt legte er auf die Berufungspastoral und weckte verschiedene Berufungen zu Seminaristen, Ordensschwestern und Katecheten. So ist einer seiner Neffen, der auf den Philippinen studiert hat, Jesuit geworden.

Als Verantwortlicher der Gemeinden (und obwohl er von der Lokalregierung zum Vertreter der ôrtlichen Politischen Konsultativkonferenz ernannt worden war) war Guy stets darauf bedacht, seine Treue und Loyalitât zu Rom unter Beweis zu stellen. Von den kirchenrechtlich drei errichteten katholischen Diôzesen in der Provinz Yunnan gibt es de facto zurzeit nur eine, Kunming, wo der Bischofssitz vom 2006 illegal geweihten Bischof Mgr. Joseph Ma Yinglin besetzt wird. Neben seinem Episkopat in Yunnan bekleidet dieser der Regierung sehr nahestehende Kleriker verschiedene andere Àmter; so ist er Prâsident der offiziellen chinesischen Bischofskonferenz, Rektor des nationalen Priesterseminars in Beijing und Mitglied des Nationalen Volkskongresses. Weil Mgr. Ma nicht vom Vatikan anerkannt ist, wird er in Yunnan von vielen Katholiken, gerade auch von den „tibetischen" Gemeinden, abgelehnt. Problematisch wirkt sich diese Ablehnung u.a. in der Frage der Priesterweihen aus. In den vergangenen Jahren haben einige tibetische Seminaristen ihre Studien an verschiedenen offiziellen Seminaren in China beendet und würden sich gerne zu Priestern weihen lassen. Guy hat sich jedoch stets dagegen gewehrt, dass „seine" Seminaristen von Mgr. Ma geweiht werden, und dieser weigerte sich seinerseits zuzulassen, dass Seminaristen aus der Provinz Yunnan von einem anderen Bischof die Weihe erhalten.

Am 26. Mârz 2012 kam es in Dali nach heftigem Druck seitens der Patriotischen Vereinigung auf die Kandidaten und deren Familien zu sechs Priesterweihen durch Mgr. Ma.(8) Um die Gefahr von „erzwungenen" Priesterweihen zu verkleinern, schickte Guy einige „seiner" Seminaristen ins Ausland, z.T. zu weiteren Studien. Dieser Gewissensentscheid hat aber natürlich leider zur Folge, dass die dringend benôtigten Priester für die Pastoral und den Weiteraufbau des kirchlichen Lebens fehlen. Dazu würde auch die Erarbeitung einer tibetischsprachigen Liturgie gehôren. Da diese bis anhin fehlt, zelebrieren selbst die wenigen tibetischen Priester die Heilige Messe auf Mandarin.

Seit einigen Jahren immer stârker in seiner Gesundheit angeschlagen, wobei er v.a. an einer Pneumokoniose litt (diese Staublungenerkrankung war zweifelsohne Folge seiner jahrelangen Arbeit im Streenbau), verstarb Guy am 31. Dezember 2014 im Alter von 74 Jahren. In einem Leichenzug von über zwanzig Autos wurden seine sterblichen Überreste am 2. Januar vom Hauptort des Kreises Gongshan nach Dimalou überführt. Von dort wurden sie von einer Gruppe von ca. 200 Personen in einem mehrstündigen Fussmarsch hinauf auf den Friedhof von Alouaka getragen, wo mehr als 2.000 Glâubige am Beerdigungsgottesdienst teilnahmen. Dieser wurde von seinem Neffen, P. Hu Wenhua SJ, und dem Pfarrer von Gongshan, dem Priester Ding Yaohua, geleitet.(9)

Der Tod von Guy stellt einen Wendepunkt in der Struktur der Kirche im Nujiangtal dar, denn er wird wohl der letzte „Laienpatriarch" dieser Gemeinden gewesen sein. Welcher der jungen Priester, die heute in der früheren Tibetmission wirken, zu welcher ja auch die Gemeinschaften im Nachbartal, jenem des Mekongs, gehôren, Guys Nach¬folge übernehmen wird, ist zurzeit jedoch offen.

Daniel Salzgeber CRB

 

Nota :(1) Zitiert nach: „Katholische Gemeinschaft in China nach 50 Jahren entdeckt", kath.net 18.06.2004. Dieser Artikel der üsterreichischen Nachrichtenagentur wurde auch in Deutschland von verschiedenen Kirchenzeitungen verôffentlicht.

(2) Im Artikel von UCAN (16.06.2004) „Remote Catholic Community Maintains Faith Without Priest For 50 Years" war nirgends davon die Rede, dass diese katholische Gemeinschaft nach 50 Jahren „entdeckt" worden sei. Dies stimmt ja so auch nicht, denn die Existenz dieser Ge¬meinschaft war spâtestens seit den ersten Heimatbesuchen des Kateche¬ten Zacharie und dessen Berichten in Taiwan anfangs der 1980er Jahre bekannt. Ab Mitte der 1980er Jahre konnten auch frühere Missionare, va. Alphonse Savioz, zumindest Glâubige aus der Region Gongshan in anderen Teilen Yunnans treffen. Das Nujiang-Tal war nâmlich bis vor wenigen Jahren für Auslânder gesperrt.

(3) Siehe Georges Taiclet, Le Père Georges André, missionnaire comtois du bout du monde. Thibet 1920-1952, Vesoul: Les éditions de Haute Saône 1998.

(4) Siehe Gabriel Délèze, „Le chanoine Louis Emery, un missionnaire passionné", in: Revue Mission du Grand-Saint-Bernard 2009, Nr. 3, www. gsbernard.ch/fr/704_20093.htm.

(5) Der 1871 in der Nàhe von Tatsienlou, dem heutigen Kangding (Provinz Sichuan), geborene Vincent Ly war der zweite einheimische Priester der Tibetmission. 1911 zum Priester geweiht, wirkte er zuerst am Bischofssitz in Tatsienlou als Lehrer und dann als Direktor des ldeinen Priesterseminars. Danach war er von 1928 bis 1932 Pfarrer von Yerkalo (Yanjing) und anschliegend (unter irnmer schwierigeren Umstànden, bis ihm 1957 jegliches priesterliches Wirken strikt verboten worden ist) Pfarrer in Qiunatong (Jionatong). 1958 starb er daselbst. In diesem klei¬nen Bergdorf, das das letzte Dorf vor der Grenze zu Tibet ist, befindet sich heute sein Grab, gleich neben der Kirche.

(6) Siehe Daniel Salzgeber, „Die Mission auf dem Dach der Welt: Tibetische Katholiken heute", in: China heute 2013, Nr. I, S. 37-49.

(7) Diese Flucht hat Zacharie im „Journal d'un catholique thibétain" be¬schrieben. Das Journal, das, von Chorherr Gabriel Délèze übersetzt, in der Revue Mission du Grand-Saint-Bernard verdffentlicht worden ist, ist online abrufbar auf der Website mission-thibet.org.

(8) Siehe „Yunnan: des ordinations sacerdotales problématiques", Églises d'Asie 14.03.2012, s.a. UCAN 13.03.2012; „Yunnan: Mgr Ma Yinlin, évêque officiel illégitime, a ordonné six prêtres", Églises d'Asie 27.03.2012.

(9) Siehe „Décès du patriarche du Loutsekiang. Le dernier patriarche laïc du Nujiang, Guy, s'est endormi dans la mort à cause de sa maladie, le 31 décembre 2014, à l'âge de 74 ans", in: mission-thibet.org; „Yunnan Zang qu erqian duo wei shaoshu minzu jiaoyou songbie ,Gongshan jiaohui cire reirbeeee:9:_i (In der tibetischen Region von Yunnan verabschieden sich über 2'000 Glübige aus ethnischen Minder vom "Vater von Gongshan") UCAN 8.0 1.2015

dmc avec l'aimable autorisation de l'auteur de l'article Daniel Salzgeber c.r.